Bei den Beduinen

Mai 20, 2008

Warmer Wind empfängt uns als wir aus dem unbequemen, lauten Mini-Servicebus auf dem Highway nach Aqaba aussteigen. Hier, an der Abzweigung in die Wüste Wadi Rum sollen wir auf unseren Tourguide Difallah warten. Der Himmel ist bewölkt als Difallah mit seinem weißen Jeep vorfährt und wir ins mindestens 10°C kühlere Auto einsteigen.  Difallah ist Beduine und lebt vom Tourismus. Und das wahrscheinlich nicht schlecht, den für unsere Übernachtung inklusive Essen und Jeeptour zahlen wir zu dritt 120 JD. In Wadi Rum Village lebt seine Frau mit den ungezählten Kindern („I don’t count them“, sagt er wenn man nach der Anzahl der Sprösslinge fragt) in einem bescheiden Steinhaus. Doch Difallah verbringt die Tage und Nächte selten dort. In seinem kleinen Camp in der Wüste lebt er unter der Sonne und nächtigt unterm Sternenhimmel. Das Camp ist an einem Felsen errichtet und der höhlenartige Vorbau schütz bei Sonne, Wind und Regen. Der Platz ist mit Decken, Kissen, Matratzen und bunten Teppichen ausgelegt, auf der Feuerstelle wird der Tee warm gehalten und in der Nacht als Licht- und Wärmequelle genutzt. Der ganze Ort vermittelt ein Gefühl von Abenteurertum. 

Das Wadi Rum ist das größte Trockental in Jordanien und neben den unzähligen Sanddünen, prägen vor allem Felswände aus Sandstein und Granit die Landschaft. Interessant sind die vielen Inschriften und Zeichnungen, die auf die prähistorischen Kulturen in der Region hinweisen. Dort sieht man dann beispielsweise Kamele, Werkzeuge und Buchstaben eingezeichnet. In einigen Einkerbungen sind die ersten Anzeichen arabischer Schriftzeichen zu erkenne, auch die Worte Allah und Mohammad sind (je nach Interpretation) eingeritzt worden und so geht man davon aus, dass die Inschriften etwa 1000 Jahre alt sind.

Das Wadi Rum wird noch von etwa 100 Beduinen bewohnt, in der Kleinstadt am Eingang des Reservats gibt es eine Schule, verschiedene kleinen Läden und eine Polizeistation. Der anhaltende Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Einwohner und die Gastfreundschaft der Zeltaraber sollte man sich bei einem Aufenthalt in Jordanien nicht entgehen lassen.

 

Kunst ist bekanntlich Geschmackssache und über Kunst lässt sich streiten. Das sagt man ja immer so und stimmt ja auch. Doch die letzten Abende bei der Tanzwoche „Zakharef“ in Amman habe ich erlebt, dass einige Zuschauer hier keinen Sinn für neue oder wie man auch sagt contemporary art haben. Während ich als Kind kulturbegeisterter Eltern gelernt habe, anstrengende Konzerte, Theaterstücke oder Lesungen über mich ergehen zu lassen und ruhig sitzen zu bleiben, auch wenn es für ein junges unbedarftes Kind langweilig ist, stehen die Leute hier einfach auf – zum Teil schon nach zehn Minuten – und gehen einfach. Und das ist so störend und nervt mich total! Da hat man doch echt das Gefühl, hier herrscht keine Toleranz gegenüber moderner Kunst. Sobald etwas nicht seicht unterhaltsam ist, wird es als langweilig, nervig und anstrengend abgestempelt. Das ist so schade, denn es ist wirklich gut, was dort dargeboten wird, nur lassen die Menschen sich hier nicht drauf ein, weil es – ja der Araber ist von Natur aus faul – zu viel Mühe machen würde seine Gehirnzellen auf „ein“ zu stellen und sich mal ein wenig Gedanken zu machen. Aber selbst das simple da sitzen und geschehen lassen ist den meisten zu schwer. Zugegeben, ich verstehe auch nicht jede neue Form der Kunst und ja, es ist Interpretationssache. Doch dann lässt man es halt passieren, nimmt es wahr und legt es, meinetwegen, in der hintersten Ecke ab, doch man sieht es und saugt es auf, wie ein Schwamm. Nicht so hier. Die Menschen können hier gar nichts aufsagen, denn bei ihnen ist nicht der Ansatz eines saugfähigem Materials zu erkennen.
Dies soll keine Verallgemeinerung sein und nur meine Gedanken nach gestrigem Abend widerspiegeln. Ich bin dabei, wenn sich hier eine Kunstszene etablieren sollte, die die Menschen wach rüttelt aus ihrem Tiefschlaf der Gedankenlosigkeit!

Wake-up Walk

April 28, 2008

Jeden Morgen auf dem Weg zum Institut mache ich einen kleinen Spaziergang durch ein schönes ruhiges Viertel von Amman. Heidi lässt mich unterwegs am 4. Circle raus und gegen halb acht begebe ich mich auf meinen zehnminütigen Walk des Erwachens. Die Rollläden der gutsituierten Villen sind noch runtergelassen, das hausumgebende Grün der Gärten verströmt Ruhe und Gelassenheit und nur der kleine Mann wäscht fleißig das Auto des Dienstherrn  - jeden Morgen! Dann rinnt das Spülwasser die Straße bergab und begleitet mich bis zum nächsten Aufstieg des Hügels. Olivenbäume und andere Baumarten, die ich nicht benennen kann, säumen den Straßenrand. Regelmäßig sehe ich auch ein Mädchen, dass auf den Schulbus wartet, eine Gruppe von korpulenten älteren Damen, die spazieren und sich dabei kaffeeklatschmäßig unterhalten. Vorbei an zwei sich gegenüberliegenden Hotels, manchmal steht ein großer Reisebus davor, bereit sein Inneres mit rüstigen Touristen zu laden, manchmal wartet auch nur ein gelbes Taxi auf drei Asiaten, die nervös um sich schauen und dabei in ihre mobilen Telefone plappern. Männer sitzen in der Sonne und trinken Mokka, ein Wachmann steht vor einer wichtigen Institution und beobachtet meine Schritte wenn ich ihn passiere. Das letzte Stück dann noch an einer Baustelle vorbei, wo weitere Luxuswohnungen errichtet werden. Starre Männerblicke (Bauarbeiter sind doch überall gleich…) und die Musik im Ohr ganz laut! Nämlich das und das und gelegentlich auch das.       

Die Woche ist schon fast wieder zu Ende und mein Erinnerungsvermögen ist so überlastet mit aktuellen Dingen, Meetings, Projekten, Organisatorischem, dass ich die letzten Tage kaum rekonstruieren kann. Ich lebe gerade in Stunden und jeder Zeitabschnitt bringt mich weiter zum nächsten und dann könnte man ein Häkchen dahinter machen – abgeschlossen. Aber im Kopf rumort es weiter, tief unten, vielleicht im Unterbewusstsein und selbst nach 8 Stunden Schlaf wache ich erschöpft auf und realisiere, die Maschine funktioniert. Schaue ich in mein müdes Gesicht, habe ich das Gefühl, die Augenringe werden von Morgen zu Morgen länger, die Gesichtsfarbe fader. Pickel fangen wieder an zu sprießen (ein Zeichen dafür, dass ich erschöpft bin) und meine Bewegungen bei der Morgenpflege sind motorisch, automatisch, die Gedanken schon vorausschauend beim Tagesplan.
Hinzu kommt, dass es die letzten Tage heiß war, sehr heiß für meinen deutschen Tiefwetter-gewohnten Biorhythmus. Heute sind bis zu 36°C vorhergesagt. Das Laufen, Denken und Atmen fällt schwer. Meine Augen brennen, die Lider würden am liebsten zuklappen wie mechanische Puppenaugen, aus allen Poren dampft es, die Klamotten kleben an der Haut wie Pelle.
Ich habe mir vorgenommen, dass Wochenende ruhig angehen zu lassen.

Kneipentour

März 26, 2008

In Amman gibt es viele Kneipen mit studentischem Flair – als ich das erste Mal im “Amigos” war, konnte ich kaum glauben, dass ich in Jordanien bin: Während ich tagsüber vor allem verschleierte oder kopftuchtragende Frauen sehe, Männer mit lüsternen Blicken und dummen Sprüchen („Hi, how are you? Nice body…“) und allgemein, eine fromme Gesellschaft, hatte ich in der Kneipe das Gefühl, in Europa zu sein. Dort waren vor allem junge Leute, Stundenten, Künstler, Musiker, Designer, es wurde Alkohol getrunken und geraucht, laute rockige Musik wurde gespielt, die Frauen waren alle (!) ohne Kopftuch und geschminkt und die jungen Männer anständig. Mal wieder ein neuer Blickwinkel in diese vielschichtige Welt…

Kultur+Radio=Propaganda

März 26, 2008

Morgens auf der Fahrt zum Büro mit dem Auto hören wir immer Radio, meistens „Radio Fann“ (Kulturradio). Es kommt oft sehr schöne arabische Musik dort, moderne Musik, aber mit traditionellen Elementen. Doch als ich dann mal nachfragte, was für Texte eigentlich gesungen werden, fand ich das Ganze nur noch lächerlich: Es geht meistens um das tolle Land Jordanien, das in den höchsten Tönen gelobt wird, der König wird natürlich gepriesen, die Soldaten für ihren Dienst an der Heimat gelobt etc. Die reinste Propaganda, die die Menschen auf dem Weg zur Arbeit motivieren soll. Kann man das noch ernst nehmen?

StadtgesprächII

März 26, 2008

Gestern Abend saß ich mal wieder im Taxi. Der Fahrer sprach mich auf Arabisch an und ich habe ihn verstanden! Das war ein tolles Gefühl und dann habe ich ihm noch auf Hocharabisch geantwortet und er hat es auch verstanden (Hocharabisch wird eigentlich nicht im Alltag gesprochen, dafür gibt es die verschiedenen länderspezifischen Dialekte; Hocharabisch findet nur in den Nachrichten und in der Literatur Anwendung und kommt oft als „hochgestochen“ rüber)! Und dann meinte er noch, dass es sich so schön anhören würde wenn ich Arabisch spreche. Ja ja, die Araber können einen schon angenehm schmeicheln. Und als er dann noch heraus fand, dass ich aus Deutschland komme („Germany is so beautiful!“), musste ich beim Aussteigen nicht mal bezahlen. Eine schöne freundliche Geste!

Stadtgespräch

März 19, 2008

Gestern nacht um zehn laufen wir durch das Stadtviertel Jabal Weibdeh. Die Straßen sind menschenleer und laternenerleuchtet, während wir Ausschau nach einem Taxi halten. Als dann endlich eins vorbei fährt, wir einsteigen und unseren auswendiggelernten Satz runtersagen, wo wir hin wollen, waren wir in Gedanken schon im Bett und dem Schlaf ganz nah.

Jordanier sind ja sehr kommunikative und freundliche Menschen und so ist es üblich, dass nach wenigen Sekunden gefragt wird, woher wir denn kommen: „Germany“. „Ah, Germany is so beautiful.“ Nachdem uns der Taxifahrer in seinem Land willkommen heißt, achlan wa sachlan, erklärt er uns, dass er Palästinenser sei und eigentlich aus Jerusalem komme. Das finden wir interessant und fangen mit ihm ein Gespräch an über Gott und die Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn am Schluss meinte er, dass Gott über alle Menschen herrscht und es nur den einen Gott gibt, den der Juden, Christen und Muslime. Es ist ein und derselbe Gott für alle drei großen monotheistischen Buchreligionen. Das fand ich toll, dass er das dort, im Taxi, zu uns gesagt hat, denn schließlich hat er ja recht und wenn alle so denken würden, gäbe es wohl kaum religiöse Auseinandersetzungen. Die Geschichte jeder dieser drei Religionen geht zurück auf Abraham, dem Urvater der Religionen. Bei den Muslimen heißt er nur etwas anders: Ibrahim.

120 km/h

März 13, 2008

Es geht so rasend schnell. Als würde ich bei 120 km/h im Auto sitzen und an der Landschaft vorbei rasen ohne meinem Blick an einer bestimmten Sache festhalten zu können. Zisch… Schon wieder ist ein Tag vorbei. Am Ende des Tages liege ich im Bett und realisiere erst, was meine Augen wahrgenommen haben, welche Bilder, Farben, Muster; welche Töne und Stimmen ich gehört habe und welcher Geschmack mir dabei auf der Zunge lag. Vor meinem inneren Auge läuft alles noch einmal ab als hätte man beim Videorecorder die Taste Review gedrückt. Scheinbar dauert der Prozess des Ankommens noch an…