Zehn Dinge, die ich aus Amman vermissen werde
Mai 27, 2008
- Annes Balkon – mein Sonnenplatz und Fluchtinsel vor zu viel Besuch in der angemieteten Wohnstätte. Spartanisch eingerichtet, aber stilvoll. Mit Blumen, die leider unter der Sonne, Läusen und Mehltau leiden mussten, aber Anne päppelt sie schon wieder auf… gemütliche Stunden am runden kleinen weißen Tisch mit Kardamomtee und Kuchen von Fairuz…
- Patisserie Fairuz – auf dem Jabal Luweibdeh beheimatet und der beste Bäcker in Amman. Und dazu noch den liebenswürdigsten Besitzer, ein älterer ergrauter Mann, immer mit einem Lächeln und Gottvertrauen. Die Kuchen und Torten sind seine Backkunst, der Eclair unvergleichlich und die herzhaften Gaumenfreuden in Deutschland unvorstellbar – mit jebne (Käse), saate (Thymian) oder lahme (Fleisch)…
- die Taxifahrten im Yellow Cab – so etwas wird es in Deutschland nicht mehr geben, denn unbezahlbar und kaum so spannend: Es gibt nette, interessierte Fahrer, es gibt aufdringliche, es gibt, ruhige und es gibt die Schwerhörigen, die die Musik bis zum Anschlag aufdrehen. Bei einigen raucht man passiv mit, bei anderen bekommt man eine eigene Zigarette angeboten. Einigen muss man den Weg erklären, andere kenne die Stadt wie ihr eigenes Leben, manche sprechen nur Arabisch, die meisten auch Englisch… In jedem Fall eine aufregende Fahrt…
- Stau am Morgen auf dem Weg zur Arbeit – meistens sind wir viel zu müde, um uns zu unterhalten. Gewöhnlich beginnt die Tour um 7.10 Uhr und endet nach 20 Minuten. Zeit genug um wach zu werden, den Zeitungsverkäufer an der Ampel zu beobachten sowie Schulkinder in ihren grünen Uniformen auf den Bus wartend, Mütter mit Kopftuch und Mantel ins Taxi steigend, die Pferde auf einer freiliegenden Fläche grasend zwischen Wohnhäusern…und dabei immer die Musik des Morgens im Ohr…
- Radio Fann FM – eigentlich eine Zumutung, da meistens zu laut und albern, aber am Morgen der Wecker für die übermüdeten Gehirnsynopsen. Die Musik ist ziemlich patriotisch und militärisch, aber sie geht in Blut und Finger über, die im Takt mittrommeln. Einige wenige Textzeilen bestimmter Lieder kann ich schon mitsingen…
- der Spaziergang zum Institut – wie schon einmal hier berichtet, ist dieser 15-minütige Walk eine Wahre Oase der Kontemplation. Zwar kein chinesischer Garten, sondern eher eine Teerstraße in einer ruhigen Villengegend umgeben von Grün. Man läuft hauptsächlich bergab während die Sonne - bereits aufgegangen - direkt ins Gesicht scheint (und Vitamin D frei setzt). Dann laufen die Gedanken von alleine und begleiten mich ein Stück, bis ich das Institut erreiche und der Tag beginnen kann…
- Kamele am benachbarten Häuserblock – es gibt sie nicht nur in der Wüste, sondern auch in der Stadt. Da alle unbebauten Flächen staatlich sind und meistens noch mit Gras bedeckt, kommen Beduinen mit ihren Schaf-, Ziegen- oder Kamelherden in die Stadt, um schattige Weideflächen zu finden. Diese Herde hat sich bereits seit zwei Monaten auf der großen Wiese unweit unseres Miethauses nieder gelassen und grast mit ihre ca. 15 Kamelen nun Grashalm um Grashalm alles ab. Es ist jedes Mal ein Überraschung diese friedlichen Tiere inmitten der Häuserblöcke zu entdecken…
- Schwarzer Tee mit Nana und viel Zucker – sicher einfach nach zu machen, aber mitgebrachte Erinnerungsstücke aus dem Ausland erweisen sich meist als unnütz in der Heimat, denn das Drumherum fehlt. Dunkler süßer Tee mit einem Minzeblatt passt nämlich am besten zum warmen kargen Jordanien mit Staub in der Luft und Kamelen im Blickwinkel.
- das books@café - eine Institution in Jabal Amman, vor allem für Touristen, Ausländer und westlich orientierte Jordanier. Dieser Buchladen mit integriertem Café ist innen stilsicher hip eingerichtet, die Terrasse hat Biergarten-Atmosphäre inklusive Blick über Downtown Amman. Die Pizza ist ihr Geld wert und mindestens durch zwei teilbar und auch wenn das Bier hier teuer ist, so entschädigt die ausgelassen Atmosphäre und das gebotene Schauspiel von vermeintlich offenen und modernen jungen Menschen.
- die billigen DVDs – wie ich gestern erfahren habe, ist es auch hier illegal kopierte Filme zu verkaufen, doch scheinbar interessiert es niemanden. Und so sprießen die DVD Geschäfte in jedem Viertel und bieten jeden erdenklichen Film für nur 1 JD. Sogar „Keinohrhasen“ habe ich mal entdeckt. Ein wahres Paradies für Filmbegeisterte und für mich mal die Gelegenheit lang ersehnte Filme zu sehen oder irgendwelche Komödien, wofür mir das Geld zum Kinogang in Deutschland meist zu Schade ist.
Zehn Dinge und sicher werden sich noch mehr finden, die mir nach der Rückkehr fehlen werden, aber jedem Anfang folgt ein Ende und wie sagte Hesse so schön: „Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten…“ (aus dem Gedicht „Stufen“).
Bei den Beduinen
Mai 20, 2008
Warmer Wind empfängt uns als wir aus dem unbequemen, lauten Mini-Servicebus auf dem Highway nach Aqaba aussteigen. Hier, an der Abzweigung in die Wüste Wadi Rum sollen wir auf unseren Tourguide Difallah warten. Der Himmel ist bewölkt als Difallah mit seinem weißen Jeep vorfährt und wir ins mindestens 10°C kühlere Auto einsteigen. Difallah ist Beduine und lebt vom Tourismus. Und das wahrscheinlich nicht schlecht, den für unsere Übernachtung inklusive Essen und Jeeptour zahlen wir zu dritt 120 JD. In Wadi Rum Village lebt seine Frau mit den ungezählten Kindern („I don’t count them“, sagt er wenn man nach der Anzahl der Sprösslinge fragt) in einem bescheiden Steinhaus. Doch Difallah verbringt die Tage und Nächte selten dort. In seinem kleinen Camp in der Wüste lebt er unter der Sonne und nächtigt unterm Sternenhimmel. Das Camp ist an einem Felsen errichtet und der höhlenartige Vorbau schütz bei Sonne, Wind und Regen. Der Platz ist mit Decken, Kissen, Matratzen und bunten Teppichen ausgelegt, auf der Feuerstelle wird der Tee warm gehalten und in der Nacht als Licht- und Wärmequelle genutzt. Der ganze Ort vermittelt ein Gefühl von Abenteurertum.
Das Wadi Rum ist das größte Trockental in Jordanien und neben den unzähligen Sanddünen, prägen vor allem Felswände aus Sandstein und Granit die Landschaft. Interessant sind die vielen Inschriften und Zeichnungen, die auf die prähistorischen Kulturen in der Region hinweisen. Dort sieht man dann beispielsweise Kamele, Werkzeuge und Buchstaben eingezeichnet. In einigen Einkerbungen sind die ersten Anzeichen arabischer Schriftzeichen zu erkenne, auch die Worte Allah und Mohammad sind (je nach Interpretation) eingeritzt worden und so geht man davon aus, dass die Inschriften etwa 1000 Jahre alt sind.
Das Wadi Rum wird noch von etwa 100 Beduinen bewohnt, in der Kleinstadt am Eingang des Reservats gibt es eine Schule, verschiedene kleinen Läden und eine Polizeistation. Der anhaltende Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Einwohner und die Gastfreundschaft der Zeltaraber sollte man sich bei einem Aufenthalt in Jordanien nicht entgehen lassen.
EMAJ 2008 in Amman
Mai 12, 2008
Was passiert wenn man achtzehn junge Journalisten in einen Raum steckt und über Interkulturalität diskutieren lässt? Wahrscheinlich tauschen sie sich über ihre Erfahrungen aus und konferieren über kulturelle Entwicklungen. Was geschieht wenn die Teilnehmer aus unterschiedlichen Ländern kommen? So muss ein sprachliches Bindeglied – vornehmlich Englisch, aber zum Teil auch Arabisch, Französisch oder Deutsch – gefunden werden, die eingeworfenen Fragen sind vielschichtiger und die Diskussionen komplexer. Und wenn die Teilnehmer dann auch noch aus Europa und den MEDA-Regionen kommen? Dann ist die Wahrscheinlichkeit eines interkulturellen Dialogs besonders groß und der In- sowie Output aller Beteiligten besonders vielseitig.
Seit dem 5. Mai findet in Amman die Euro-Mediterranean Academy for Young Journalists statt, die vom Goethe-Institut Jordanien organisiert und dem Auswärtigen Amt unterstützt wird. Die Teilnehmer werden sowohl mit der kulturellen Vielfalt der Region als auch mit den medienrechtlichen Beschränkungen bei ihren Recherchen konfrontiert, es finden Workshops zu kulturellen Stereotypen und Werten statt, einheimische Journalisten diskutieren über ihre Erfahrungen und geben Hinweise zum Umgang mit den hiesigen Behörden und die achtzehn Jungjournalisten begeben sich auf eigene Nachforschungen, um aktuelle soziale, politische und kulturelle Probleme zu behandeln. Es ist für jeden einzelnen eine Herausforderung, sich mit den gegebenen Zuständen auseinander zusetzen und dabei die eigene Erfahrungen mit den kulturellen Kenntnisse in Einklang zu bringen.
Noch bis zum 15. Mai werden die Teilnehmer aus Ägypten, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Irland, Israel, Italien, Libanon, Marokko, Österreich, Palästina, Polen, Schweden, Syrien, Türkei und Ungarn Fragen stellen, diskutieren, recherchieren und schreiben, um mit einem (noch) komplexeren Weltbild die Akademie zu verlassen und vielen neuen Ideen und Eindrücken weiterzuarbeiten.
Wut auf die Gedankenlosigkeit
April 29, 2008
Kunst ist bekanntlich Geschmackssache und über Kunst lässt sich streiten. Das sagt man ja immer so und stimmt ja auch. Doch die letzten Abende bei der Tanzwoche „Zakharef“ in Amman habe ich erlebt, dass einige Zuschauer hier keinen Sinn für neue oder wie man auch sagt contemporary art haben. Während ich als Kind kulturbegeisterter Eltern gelernt habe, anstrengende Konzerte, Theaterstücke oder Lesungen über mich ergehen zu lassen und ruhig sitzen zu bleiben, auch wenn es für ein junges unbedarftes Kind langweilig ist, stehen die Leute hier einfach auf – zum Teil schon nach zehn Minuten – und gehen einfach. Und das ist so störend und nervt mich total! Da hat man doch echt das Gefühl, hier herrscht keine Toleranz gegenüber moderner Kunst. Sobald etwas nicht seicht unterhaltsam ist, wird es als langweilig, nervig und anstrengend abgestempelt. Das ist so schade, denn es ist wirklich gut, was dort dargeboten wird, nur lassen die Menschen sich hier nicht drauf ein, weil es – ja der Araber ist von Natur aus faul – zu viel Mühe machen würde seine Gehirnzellen auf „ein“ zu stellen und sich mal ein wenig Gedanken zu machen. Aber selbst das simple da sitzen und geschehen lassen ist den meisten zu schwer. Zugegeben, ich verstehe auch nicht jede neue Form der Kunst und ja, es ist Interpretationssache. Doch dann lässt man es halt passieren, nimmt es wahr und legt es, meinetwegen, in der hintersten Ecke ab, doch man sieht es und saugt es auf, wie ein Schwamm. Nicht so hier. Die Menschen können hier gar nichts aufsagen, denn bei ihnen ist nicht der Ansatz eines saugfähigem Materials zu erkennen.
Dies soll keine Verallgemeinerung sein und nur meine Gedanken nach gestrigem Abend widerspiegeln. Ich bin dabei, wenn sich hier eine Kunstszene etablieren sollte, die die Menschen wach rüttelt aus ihrem Tiefschlaf der Gedankenlosigkeit!
Wake-up Walk
April 28, 2008
Jeden Morgen auf dem Weg zum Institut mache ich einen kleinen Spaziergang durch ein schönes ruhiges Viertel von Amman. Heidi lässt mich unterwegs am 4. Circle raus und gegen halb acht begebe ich mich auf meinen zehnminütigen Walk des Erwachens. Die Rollläden der gutsituierten Villen sind noch runtergelassen, das hausumgebende Grün der Gärten verströmt Ruhe und Gelassenheit und nur der kleine Mann wäscht fleißig das Auto des Dienstherrn - jeden Morgen! Dann rinnt das Spülwasser die Straße bergab und begleitet mich bis zum nächsten Aufstieg des Hügels. Olivenbäume und andere Baumarten, die ich nicht benennen kann, säumen den Straßenrand. Regelmäßig sehe ich auch ein Mädchen, dass auf den Schulbus wartet, eine Gruppe von korpulenten älteren Damen, die spazieren und sich dabei kaffeeklatschmäßig unterhalten. Vorbei an zwei sich gegenüberliegenden Hotels, manchmal steht ein großer Reisebus davor, bereit sein Inneres mit rüstigen Touristen zu laden, manchmal wartet auch nur ein gelbes Taxi auf drei Asiaten, die nervös um sich schauen und dabei in ihre mobilen Telefone plappern. Männer sitzen in der Sonne und trinken Mokka, ein Wachmann steht vor einer wichtigen Institution und beobachtet meine Schritte wenn ich ihn passiere. Das letzte Stück dann noch an einer Baustelle vorbei, wo weitere Luxuswohnungen errichtet werden. Starre Männerblicke (Bauarbeiter sind doch überall gleich…) und die Musik im Ohr ganz laut! Nämlich das und das und gelegentlich auch das.
8 Stunden Schlaf, 36°C… gääääääähn
April 23, 2008
Die Woche ist schon fast wieder zu Ende und mein Erinnerungsvermögen ist so überlastet mit aktuellen Dingen, Meetings, Projekten, Organisatorischem, dass ich die letzten Tage kaum rekonstruieren kann. Ich lebe gerade in Stunden und jeder Zeitabschnitt bringt mich weiter zum nächsten und dann könnte man ein Häkchen dahinter machen – abgeschlossen. Aber im Kopf rumort es weiter, tief unten, vielleicht im Unterbewusstsein und selbst nach 8 Stunden Schlaf wache ich erschöpft auf und realisiere, die Maschine funktioniert. Schaue ich in mein müdes Gesicht, habe ich das Gefühl, die Augenringe werden von Morgen zu Morgen länger, die Gesichtsfarbe fader. Pickel fangen wieder an zu sprießen (ein Zeichen dafür, dass ich erschöpft bin) und meine Bewegungen bei der Morgenpflege sind motorisch, automatisch, die Gedanken schon vorausschauend beim Tagesplan.
Hinzu kommt, dass es die letzten Tage heiß war, sehr heiß für meinen deutschen Tiefwetter-gewohnten Biorhythmus. Heute sind bis zu 36°C vorhergesagt. Das Laufen, Denken und Atmen fällt schwer. Meine Augen brennen, die Lider würden am liebsten zuklappen wie mechanische Puppenaugen, aus allen Poren dampft es, die Klamotten kleben an der Haut wie Pelle.
Ich habe mir vorgenommen, dass Wochenende ruhig angehen zu lassen.
Tanzwoche
April 22, 2008
Ab morgen geht es los und ich freue mich schon sehr. Vor allem auf das vom Goethe-Institut organisierte Gastspiel des Folkwang Tanzstudios, welches ich mitorganisiert habe. Ich bin zuversichtlich, dass alles gut klappt und wir viele schöne Performances hier sehen werden.
Ausstellungseröffnung
April 15, 2008
Morgen ist es soweit. Die erste Vernissage am Goethe-Institut während meines Aufenthaltes. Es gibt so viele spannende und interessante Projekte, nicht nur hier, sondern überall in Amman. Nur leider wird es zu wenig publik gemacht. Die Pressearbeit hier hat noch einiges zu bewältigen…
Oder sind die Menschen einfach desinteressiert? Oder zu faul? Das glaube ich nicht. Es gibt kulturinteressierte Menschen in Amman, das habe ich schon gemerkt, aber die arabische Mentalität der Unzuverlässigkeit kommt all zu oft zum Vorschein und viele, die einmal bei einer Kulturveranstalltung waren und enttäuscht worden sind, können sich nicht ein weiteres Mal aufraffen. Geduld muss man haben und Zuversicht… Die Kulturarbeit ist noch am Aufbau in diesem jungen Land.
Prinz Achmed
April 15, 2008

weitere Infos zum Film und Musik gibt’s hier.
Kneipentour
März 26, 2008
In Amman gibt es viele Kneipen mit studentischem Flair – als ich das erste Mal im “Amigos” war, konnte ich kaum glauben, dass ich in Jordanien bin: Während ich tagsüber vor allem verschleierte oder kopftuchtragende Frauen sehe, Männer mit lüsternen Blicken und dummen Sprüchen („Hi, how are you? Nice body…“) und allgemein, eine fromme Gesellschaft, hatte ich in der Kneipe das Gefühl, in Europa zu sein. Dort waren vor allem junge Leute, Stundenten, Künstler, Musiker, Designer, es wurde Alkohol getrunken und geraucht, laute rockige Musik wurde gespielt, die Frauen waren alle (!) ohne Kopftuch und geschminkt und die jungen Männer anständig. Mal wieder ein neuer Blickwinkel in diese vielschichtige Welt…


